Trampen innerhalb der EU

Mein Ziel: Italien.
Ich möchte weder mit
dem Flugzeug fliegen,
mein eigenes Auto fahren
oder im stickigen Bus sitzen.

Trampen?

Ich sitze in der Küche unserer Wohnung – hier sind die Wände in einem neutralen Weiß gehalten. Mein Stuhl hat die Farbe meerblau, ebenso wie die Lampen und die Küchenschränke. Es ist sehr harmonisch und immer gemütlich, hier fühle ich mich einfach wohl. Ein paar Tulpen in den Farben orange und rot zieren dem Esstisch, auf dem ein halbleerer Kaffee Becher steht. Ich drehe den Kopf über die rechte Schulter, um aus dem Fenster zu schauen. Wird sich das Wetter demnächst verändern?

Nein, das Wetter spielt mit: Der Himmel ist klar und keine Wolken weit und breit. Sommer eben! Es ist warm, innerlich bin ich sehr aufgeregt: Ich war noch nie in Italien. Was wird mich dort erwarten… ich weiß es nicht. Wen werde ich kennen lernen und wie lange dauert es, bis ich die Grenze erreiche?

Mein Rucksack steht gepackt an den Türrahmen gelehnt und ich bin bereit es zu Versuchen. Schnell durch das Treppenhaus hinunter und ab ins Freie. Gestern habe ich mir schon einen Ort ausgesucht, wo ich mich hinstellen werde um eine gute Chance zu haben, mitgenommen zu werden. Das Ortsausgangsschild kurz vor dem Messeschnellweg. In den siebzigern war das Trampen noch gang und gäbe, doch mit der Zeit ist das Vertrauen und die Spontanität der Menschen verschwunden. Oder es ist einfach in Vergessenheit geraten. Es gibt so viele Möglichkeiten von Ort zu Ort zu kommen: günstige Flugtickets, günstige Busreisen oder über online Portale günstige Mitfahrgelegenheiten. Gestern holte ich mir aus dem Supermarkt bei mir um die Ecke, ein Stück Pappe, daraus habe ich ein Schild gebastelt. Der erste Abschnitt meiner Reise ist Traunreut, circa 748 Kilometer, ein Ort in der Nähe vom Chiemsee. Dort wohnt die Schwester meines Opas. Ich möchte dort für eine paar Tage bleiben und dann geht es weiter bis nach Italien.

Gewappnet mit einem Hut gegen die Sonne und der Wasserflasche in meiner Hand, stehe ich am Rande der Fahrbahn und warte seit fast zwei Stunden auf ein Auto. Die Sonne scheint auf meine Haut, doch ich verliere langsam die Geduld. Trotzdem bewahre ich das Lächeln im Gesicht. Manche der Autofahrer winken oder starren mich einfach nur an.

Nach einer weiteren halben Stunde, ist es geschafft. Ich sitze angeschnallt, als Beifahrerin neben Mike, in seinem Auto, ein blauer Saab Turbo 900. Er erzählt er komme gerade von seiner Freundin, die seit einem Monat beruflich in Hannover wohnt und ist auf dem Weg zurück in deren alte Wohnung. Diese liegt in der Nähe von Würzburg und soweit könne er mich mitnehmen.
Wir fahren über die A7 und die Bäume fliegen nur an uns vorbei. Im Radio spielen sie gerade den Song „Happier von Marshmellow“. Durch die Bäume neben der Fahrbahn, fallen ein paar Sonnenstrahlen. Ich fühle mich gut und alles spricht dafür, das dies eine gute Reise wird. Mein Kopf schaltet ab, ein sehr angenehmes Gefühl, es gibt nur ein Ziel: vorankommen.

Um nicht im Stau zu stehen, fahren wir an der Ausfahrt Bad Kissingen raus und lustigerweise erhalte ich einen Anruf von einer Freundin, die dort wohnt: Sie hatte gesehen, das ich auf dem Weg nach Italien bin und lädt mich ein sie zu Besuchen.
Nach wenigen Minuten verabschiede ich mich von Mike und sitze mit einem Kaffee beim Bäcker in der Innenstadt von Bad Kissingen, wo mich Anne dann mitnehmen wird.

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